Pressebericht zur CD „Annelies“

Pressebericht zur CD „Annelies“

Über die Flüchtigkeit eines Gedenktages hinaus

Pressebericht der Fuldaer Zeitung vom 23.Mai 2014

Nun ist sie da, die CD des Städtischen Konzertchors Winfridia Fulda. Sie ist ein Klangdokument der Erinnerung und hebt die Aufführung  von James Whitbourns „Annelies“ am 28. Oktober 2013 im Fürstensaal weit über die Flüchtigkeit eines Gedenktages hinaus.

Von unserem Mitarbeiter Nikolaus Frey

Damit verneigt sich die Winfridia in doppelter Weise: sowohl vor dem jüdischen Schicksal insgesamt, als auch vor dem der Juden in Fulda insbesondere. Mit deren Vertreibung hatte man am 28. Oktober 1938, als genau 75 Jahre vor dem Konzert, begonnen. Nach Beginn des Krieges setzten dann in Europa die Vernichtungstransporte ein und schickten sogar in einem so kleinen Land wie Holland mehr als 100 000 Menschen in den Tod.

Was damals geschah, welche Angst sich bei all jenen verbreitete, die von Deportation bedroht waren, hat durch das Tagebuch der Anne Frank traurige Berühmtheit erlangt. Dem britischen Komponisten James Whitbourn, der Auszüge dieses Tagebuchs vertont hat, ist es gelungen, diesen Texten durch seine Musik weitere Erlebnisdimensionen hinzu zu fügen.

Fragt man sich, warum es angebracht ist, dieses Werk nicht nur durch einmaliges Hörerlebnis im Konzert auf sich wirken zu lassen, sondern sich dank der jetzt erhältlichen CD genauer mit ihm zu befassen, so gibt es mehrere gute Gründe. Da ist die stilistische Vielfalt des Komponisten zu nennen, der aus einem breiten Repertoire schöpft und auf romantischen Chorklang ebenso zurückgreift wie auf Klezmer-Musik, auf Mittel von Filmmusik, aber auch auf Avantgarde-Techniken des 20. Jahrhunderts.

Wer dieses Werk erstmals hört, bemerkt diese Wechsel zwar und erlebt auch die so erzeugte Spannung. Aber erst bei wiederholtem Mitlesen der Texte samt den jeweiligen Datumsangaben wird transparent, welchen Sinn die eingesetzten Klangmittel im konkreten Fall haben und warum die Tagebuch-Zitate nicht in strenger Chronologie erscheinen. Manchmal stehen Sätze aus den ersten Tagen des Versteck-Aufenthalts in direkter Nachbarschaft zu solchen aus den letzten Tagen. Dazwischen liegt die Angst, die Verzweiflung, aber auch das gestärkte Vertrauen von zwei Jahren.

Da verwundert es nicht, dass einige der dramatischsten Stellen früh erklingen (in Nr.3 als Erinnerung an den letzten Sonntagmorgen), dass aber auch ein langer Aufenthalt im Versteck nicht ohne Poesie sein muss (in Nr. 5 als Valse triste). Die zentrale Stelle ist der große Chorsatz „Westerbork“, den die Winfridia in Nr. 7 mit beschwörendem Pathos vorträgt. Am ergreifendsten aber wirken die Schluss-Zitate: in Nr. 12 noch voller Hoffnung auf Befreiung, dann aber kurz vor der Entdeckung der „Dank für alles Gute, Liebe und Schöne.“

Der Komponist hat dies alles in eine spannungsreiche Balance gebracht, und die Winfridia hat mit ihrem Dirigenten Carsten Rupp und den fünf Solisten ein Dokument geschaffen, das zeigt, dass Humanität unter den Opfern noch gelebt wurde, obwohl sie bei den Tätern schon lange verschwunden war. (Erhältlich ist die CD bei der Stadtapotheke, Bahnhofstrasse 12 in Fulda.)

 

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Städtischer Konzertchor Winfridia Fulda|Langenbieberer Str. 11|36145 Hofbieber|Telefon: 06657 / 9143638