Pressebericht zu Whitbourns „Annelies“ in Fulda

Pressebericht zu Whitbourns „Annelies“ in Fulda

Berührende Töne, plastische Lautmalerei

Pressebericht der Fuldaer Zeitung vom 29. Oktober 2013

von Christina Rümann
Foto: Sabine Abel

Das vertonte Tagebuch der Anne Frank: Winfridia führte „Annelies“ auf

Auf den Tag genau 75 Jahre nach der ersten Ausweisung Fuldaer Juden unter der nationalsozialistischen Regime erinnerte der Städtische Konzertchor Winfridia Fulda mit zwei bewegenden Konzerten an das Schicksal von Anne Frank.

Bereits mit dem einleitenden hebräischen Chor „Erev shel shoshanim“ von Josef Hadar gelang es, das Publikum mit weichem Chorklang und perfekter Abstimmung zwischen Chor und Instrumentalisten in die Klangwelten jüdischer Musik einzuführen.

Das eigentliche Hauptwerk des Abends war das Chorwerk „Annelies“ des 1963 geborenen britischen Komponisten James Whitbourn, das Auszüge des Tagebuch der Anne Frank vertont.

Whitbourns postmoderne Komposition spielt mit verschiedenen Stilrichtungen. So finden sich Anlehnungen an klassische Volksliedvertonungen, romantische Chorsätze, gregorianische Choräle und Filmmusik. Whitbourn setzt als kompositorisches Mittel auch Lautmalerei ein, wie etwa das vom Chor sehr plastisch dargestellte Atmen der versteckten jüdischen Familien. Dieser Motivation ist wohl auch der gelegentliche Einsatz zwölftonaler, ganztöniger oder atonaler Techniken zuzurechnen, mittels derer es dem Komponisten gelingt, die ungeheure Dramatik der Textpassagen im historischen Kontext glaubwürdig hörbar zu machen.

Am Sonntagnachmittag half die Realität sogar noch nach – als nach „a deathly silence hangs in the air“ plötzlich Glockentöne von der benachbarten Abteikirche herüberwehten, assoziierte wohl so mancher Zuhörer das Jüngste Gericht. Dirigent Carsten Rupp nahm sofort das Tempo auf und integrierte die Glocke gekonnt in den Orchesterklang.

Der Städtische Konzertchor Winfridia überzeugte durch ausgezeichnete Textverständlichkeit in drei Sprachen. Auch rhythmisch komplexe a-capella-Stellen und schwierige harmonische Übergänge wurden problemlos gemeistert. Bei den stark gegensätzlichen Abschnitten konnte der Chor seine große dynamische Bandbreite zeigen.

Sopranistin Christine Graham gewann bereits mit ihrer ersten, aus dem Hintergrund effektvoll inszenierten Vokalise das Publikum für sich. Mit ihrem in allen Lagen warm timbrierten und ruhig geführten Stimmklang gelang ihr eine innige Textdeutung, die das Mädchen Annelies lebendig werden ließ. Begleitet wurde das Ensemble von einem eigens zusammengestellten Quartett, in dem die MusikerInnen (Nina Liepe, Violine; Anna Weirich, Violoncello; Nicolai Pfeffer, Klarinette; David Andruss, Klavier) nicht nur perfekt harmonierten, sondern auch ihre solistischen Qualitäten voll ausspielten. Dirigent Carsten Rupp leitete den Klangkörper souverän und präzise, wobei er Solistin und Orchester stets die nötigen Freiheiten ließ. Zum Abschluss des Konzertes sang die Winfridia mit großer Spannung und emotionaler Tiefe „Verleih uns Frieden“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy (in einer Bearbeitung für Kammerorchester von Carsten Rupp).

Das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem Applaus für die höchst bewegende und innerlich berührende Interpretation dieser wundervollen Vertonung der Anne-Frank-Texte. Ein Konzertmitschnitt soll demnächst als CD erscheinen.

HINTERGRUND:

OB Möller: Gedenken darf nicht zum Ritual werden

In seiner einführenden Rede zum Konzert des städtischen Konzertchors Winfridia gedachte Fuldas Oberbürgermeister Gerhard Möller (CDU) der ersten Ausweisungen polnischstämmiger Juden aus Fulda. Am 28.10.1938 wurde 41 Juden ein Aufenthaltsverbot ausgesprochen, so dass sie gezwungen waren, Fulda binnen eines Tages zu verlassen und die entstandenen Reiskosten in Höhe von 46,49 Reichsmark  sogar noch selber zu erstatten.

Möller gemahnte daran, dass das Gedenken nie Ritual oder Gewohnheit werden dürfe, und unterstrich diese These mit einem Zitat von Fritz Bauer, dem leitenden Staatsanwalt der Frankfurter Auschwitzprozesse in den 1960er Jahren: „Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“

Der OB bedankte sich beim Fuldaer Konzertchor für die Aufführung dieser Konzerte und erinnerte auch an die Beiträge der Stadt Fulda zur Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in Fulda, beginnend bei der Einladung von 300 ehemaligen jüdischen Mitbürgern durch den damaligen Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Hamberger 1987 über die vor drei Jahren eingeweihten Gedenkstätte für  252 deportierte Fulda Juden am Platz der ehemaligen Fuldaer Synagoge am Stockhaus bis hin zur aktuellen Umbenennung einer Fuldaer Straße zu Ehren des bedeutenden Theologen und Religionslehrers Maharam Schiff, der von 1622 bis 1640 Rabbiner in Fulda war.

Eine begleitende Ausstellung im Gobelinzimmer vor dem Fürstensaal, die unter der Federführung des Dirigenten Carsten Rupp mit Fotografien und Texten aus dem Amsterdamer Anne-Frank-Haus zusammengestellt worden war, stimmte das bestens auf die Thematik ein.

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Städtischer Konzertchor Winfridia Fulda|Langenbieberer Str. 11|36145 Hofbieber|Telefon: 06657 / 9143638